Schlussgedanken I: Warum Glaube etwas Persönliches ist

Glaube ist ja beiweitem nicht auf Religion beschränkt. Es gibt viele Dinge, die man Glauben kann oder halt nicht. Die Gesamtheit aller dieser Dinge nenne ich einfach mal Gesamtglaube. Und der ist höchstpersönlich. Damit meine ich, dass ein und derselbe Gesamtglaube kein zweites Mal existiert. Er ist so individuell wie die Person, die ihn in ihren Gedanken bewusst oder unbewusst formuliert. Es ist der ganz persönliche Gesamtglaube eines Menschen. Es gibt einen Gesamtglauben kein zweites Mal, weil beliebig viele Aussagen getroffen werden können in beliebig vielen Nuancen zu beliebig vielen Themen.

Ich komme daher zu der These, dass sich der Gesamtglaube einer Person zu verschiedenen, ausreichend voneinander entfernten Zeitpunkten niemals deckt.

Wie weit diese Zeitpunkte auseinander liegen müssen? Beliebig nah beieinander. Einziges Kriterium ist, dass wenigstens ein einzelner Glaubenssatz geprüft wurde.

Der Glaube eines anderen Menschen ist dann lächerlich, fundamental, radikal oder sonstwie, wenn er sich maßgeblich vom eigenen unterscheidet. Dazu eine kleine Veranschaulichung:

  • Aussage 1: Ich glaube, dass ich Napoleon bin, Skala von 1 bis 10
    Wert Person A: 10, Toleranzwert, 8 bis 10.
  • Aussage 2: Ich glaube, dass Napoleon lebt, Skala von 1 bis 10
    Wert Person B: 1, Toleranzwert 1
  • Aussage 3: Es gibt Reinkarnation, Skala von 1 bis 10
    Wert Person B: 2, Toleranzwert 1 bis 3

Glaubt also jemand, er sei Napoleon und lässt daran so gut wie keinen Zweifel zu, wird er von Menschen, die absolut nicht glauben, dass Napoleon noch lebt und die auch Reinkarnation für unmöglich halten, aller Wahrscheinlichkeit nach für Verrückt erklärt.

Neben Glaubenssätzen gibt es auch Grundwahrheiten. Das sind oberflächlich betrachtet Sätze, denen jeder Mensch zustimmt, da sie als erwiesen gelten. Etwas tiefer gebohrt, sind es lediglich Glaubenssätze mit einer ausreichenden Mehrheit in einer Gruppe Menschen. Die Grundwahrheiten bei einem Treffen der Neuschwabenland Gruppe sind maßgeblich zu unterscheiden von jenen der Zeugen Jehovas, einem Stamm in Papua Neuguinea und einem Fachkongress von Atomphysikern in Harvard oder wo auch immer sich diese Menschen treffen.

Was heißt das?

  • Jede Aussage, egal ob Glaubenssatz oder Grundwahrheit, ist neutral.
  • Um eine solche Aussage zu überprüfe braucht es einen ausreichend gemeinsamen Fundus an Grundwahrheiten.
  • Selbst für die abstrusesten Vorstellungen wie: „Ich bin ein Elefant“ kann sich derjenige, der daran glaubt, Erklärungen zurecht legen, warum er ein Elefant ist, obwohl er keinen Rüssel hat, keine Stoßzähne, keine graue Haut und erst Recht nicht die genetische Information eines Elefanten. Diese Person unterscheidet aber nichts von der Person, die an die Schwerkraft glaubt. Interessanterweise ändert sich zwar die Einstellung einer Person und ihrem Glauben gegenüber in Abhängigkeit zu den Mehrheitsverhältnissen dieser Glaubensaussagen, nicht aber die Wahrheit. Nur weil niemand mehr an die Schwerkraft glaubt, heißt das nicht, dass sie nicht existiert.
  • Es kann nur eine Wahrheit geben.
  • Die Wahrheit muss nicht zwangsläufig aus singulären Aussagen bestehen. Wenn der Ball grün ist, ist er grün. Wenn er rot ist, ist er rot. Möglicherweise sind beide Aussagen wahr. Dann wäre die Aussage, der Ball sei grün eben nur die halbe Wahrheit.
  • Die Wahrheit hat mit keinem einzigen Gesamtglauben, der je existierte eine vollkommene Übereinstimmung.
  • Ob der Gesamtglaube der Person A oder der Person B näher an der Wahrheit ist, lässt sich nicht endgültig feststellen. Weil Wahrheit aber auch nur angenommen und wahrgenommen wird, ist Wahrheit genau wie Glaube ein subjektiver Begriff.
  • In Bezug auf Religion kann es nicht ausschlaggebend sein, den exakt richtigen Glauben zu haben und die Wahrheit gefunden zu haben. Es gibt zwar die eine Wahrheit in Sachen Taufe, Homosexualität und Nächstenliebe. Niemand kann diese Wahrheit aber allgemeingültig formulieren. Er kann lediglich seine eigene Version formulieren und dann anhand von Mehrheitsverhältnissen diese untermauern. Diese Mauer ist aber nicht tragfähig.
  • Glücklicherweise sind die Bedingungen für die Errettung recht niedrigschwellig. Zumindest was Jesus angeht. Es reicht, an ihn zu glauben. Und das wiederum ist lediglich einer meiner Glaubenssatz, der nicht zwangsläufig etwas mit der Realität zu tun haben muss.

Was heißt das nicht?

  • Das heißt nicht, dass ich über meinen Glauben nicht reden darf. Tatsächlich müssen wir unsere Wahrnehmung ständig mit anderen abgleichen. Anhand von Mehrheitsverhältnissen können wir zumindest sicherstellen, nicht für verrückt erklärt zu werden. Dieser Abgleich kann ausschließlich durch Kommunikation geschehen. Wer nicht über seine Glaubenssätze redet, implizit oder explizit, verliert den Kontakt zur Umgebung und das einzige Überprüfungswerkzeug, dass er hat, so ungenau es auch sein mag.
  • Das heißt wiederum keineswegs, dass ich jedem meinen Glauben aufzwingen darf. Ich darf davon erzählen und in einer offenen Gesellschaft sollte auch die Bereitschaft vorhanden sein, mir den Glauben des anderen anzuhören.
  • Es heißt aber durchaus, dass es weniger ratsam ist, auf Basis von Glauben Gesetze zu schreiben.

Glaube ist etwas Persönliches, gehört aber in die öffentliche Diskussion.

Das Bild zeigt den Traunsee bei Gmunden. Ziel eines Tagesausfluges auf Schloss Klaus.

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