Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Oder: warum Jesus mit zweitem Namen Lucky Luke heißt

In meinem letzten Beitrag ging es um Abgrenzung und den Vorwurf: „Der ist doch kein richtiger Christ.“ Jetzt geht es um Verurteilung in Verbindung mit Sünde.

Denn Christen sprechen sich gegenseitig nicht nur gerne das Christsein ab, sie verurteilen sich auch gegenseitig sehr gerne aufgrund irgendwelcher Sünden. Ich finde das jetzt nicht unbedingt überraschend, ein bisschen komisch aber schon.

Immerhin ist Jesus für all unsere Sünden gestorben, er ist der einzige Weg zur Rechtfertigung vor Gott und er selbst ist der einzige, der auf dem Richterstuhl Platz nehmen darf. Wer begriffen hat, was Sünde ist und warum sie keine Rolle mehr spielt, müsste doch eigentlich kapieren, wie sinnfrei es ist, andere Menschen wegen irgendwelcher Taten zu verklagen. Ich habe die Frage auch im letzten Beitrag angeschnitten: Wann ist jemals etwas Gutes aus Anklage entstanden?

Man stelle sich ein großes Volksfest vor. Darauf jede Menge Schießbuden, Dartbuden, Losbuden. Man kann Entchen angeln und Fröschen den Kopf mit Hämmern zerbeulen. Und wir alle stehen an den Buden und wollen den weißen Riesenteddy gewinnen. Aber immer, wenn wir unsere Arme erheben, um zu zielen oder ein Los zu wählen, kommt Lucky Luke Jesus daher, der scheinbar schneller zieht, als sein Schatten, und ballert alle weißen Plastikröhrchen kaputt, wirft alle Pfeile ins Bull’s Eye, lässt alle Luftballone zerplatzen und zieht auch noch alle Jackpotröllchen. Bitteschön. Der weiße Riesenteddy gehört dir. Geschenkt.

Man stelle sich vor, da wirft einer bei der Dartbude fleißig daneben, kriegt trotzdem seinen Teddy und als er an der Schießbude vorbei läuft, weint er laut rum, weil da ein anderer Volksfestbesucher an einem Plastikröhrchen vorbeigeschossen hat. Vielleicht stellt er sich nebendran, lädt durch, ballert alle Plastikröhrchen sauber ab und meint dann, seinen Riesenteddy verdient zu haben. Und als er merkt, wie bescheuert er sich aufführt, fängt er an zu erklären, warum diese und jene Bude viel wichtiger sei als alle anderen Buden. Die Losbude könne man eigentlich ganz abreißen, basiert ja alles nur auf Glück. Kann der Volksfestbetreiber so nicht geplant haben.

Um mal wieder vom Bild wegzukommen: Wir sind uns unserer eigenen Unzulänglichkeiten durchaus bewusst. Aber es fühlt sich halt nicht so gut an, derjenige zu sein, der auf der Straße jeder zweiten Frau hinterherguckt, der zu sein, der vor lauter Geiz keinen Cent herschenken kann, der zu sein, der immer wieder voller Zorn seine Mitmenschen zusammen scheißt. Da ist es schon besser, anhand der Schrift ganz klar aufzeigen zu können, warum Homosexualität eine ganz schlimme Sünde ist oder der alle theologischen Hintergründe versteht, warum Rauchen falsch ist.

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.

Matthäus 5,17

Das Gesetz ist erfüllt. Die Zielscheibe ist bereits getroffen. Aber das Gesetz ist halt noch da. Schon klar. Es kann nicht darum gehen, die Gesetze auszuhölen. Sicher nicht. Wir brauchen uns aber auch nicht darüber zu streiten, welches Gesetz wie zu verstehen ist und welche Gesetze vom Doppelgebot der Liebe abgedeckt sind und welche nicht. Deine Meinung interessiert mich nicht und meine ist vollkommen irrelevant. Gott ist Richter.

Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.

Matthäus 7,3

Es gibt eine Ausnahme. Denn insbesondere in den Briefen ist immer wieder die Rede davon, dass wir uns untereinander ermahnen sollen, z.B.:

  • Kolosser 3,16
  • 1. Thessalonicher 5,11
  • Römer 15,14
  • Hebräer 3,13

Aber ist damit gemeint, in die Welt hinauszuplärren, welche Sünden besonders schlimm sind? Ist damit gemeint, dem anderen zu sagen, wie scheiße er ist? Ich glaube nicht. Das ist eine Streitkultur, wie wir sie aus Kneipen, der Politik und von Gerichtsverhandlungen kennen. Das Ziel ist jeweils, den anderen niedrig zu machen und sich selbst zu erhöhen. Es ist das Ziel, die Zuhörer auf seine Seite zu ziehen, um über den anderen triumphieren zu können.

Wir sollen uns nicht den Maßstäben dieser Welt anpassen. Dazu gehört, Gesetze nicht auszuhölen, nur weil sich die gesellschaftliche Moral gewandelt hat. Dazu gehört aber auch die Art und Weise, wie wir mit Menschen umgehen, die nicht unserer Lebensweise entsprechen. Jesus hat klare Worte gefunden. Und als er die Händler aus dem Tempel vertrieben hat, war er nicht sanftmütig. Aber er, der einzige, der das Recht hätte, zu jederzeit überheblich zu sein und voll heiligem Zorn die Menschen zu richten, hat sich üblicherweise mit den Sündern an einen Tisch gesetzt und hat ihnen eine andere Perspektive aufgezeigt.

Wenn wir auf dem Volksfest unterwegs sind, dürfen wird durchaus anderen dabei helfen, besser zu zielen. Aber wir sollten uns überlegen, auf welche Weise und von wem wir uns selber gerne helfen lassen beim Zielen. Wenn da einer von der Seite meckert, schreit, lacht oder uns gleich vom Volksfestplatz vertreiben will, weil hoffnungsloser Fall, Hopfen und Malz verloren, dann wohl eher nicht. Wenn aber einer einen guten Tipp parat hat und den vielleicht zuflüstert, so, dass es keiner sonst hören kann, schon eher.

 

Bild: Wilfried Wittkowsky unter folgender Lizenz: CC BY-SA 3.0

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2 Gedanken zu “Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Oder: warum Jesus mit zweitem Namen Lucky Luke heißt

  1. Also ich verstehe dich so: Es steht uns nicht zu irgendjemanden über irgendwas zu verurteilen, auch nicht anhand der Schrift – aber im Sinne der „Brüderermahnung“ ist es gut, anderen Tipps zu geben. Da kann ich ganz gut mitgehen. Auch wenn sich das mit den Tipps für mich etwas zu harmlos anhört – aber ich verstehe es so, dass du dich klar vom verurteilenden „Ratschlagen“ abgrenzen willst. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, suchen Wahrheit in der Nachfolge Jesu – und auf dem Weg dahin ist es wichtig, die Meinung der anderen Glaubenden zu respektieren, auch wenn wir sie begründet ablehnen.

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    1. Genau. 🙂 Das mit den Tipps hört sich auch für mich eigentlich zu harmlos an. Man muss es halt fertigbringen, den anderen in Liebe zu ermahnen. Und dazu ist denke ich in erster Linie eine entsprechende Beziehung notwendig. Eine andere Perspektive ist natürlich auch, sich ermahnen zu lassen. Nicht gleich zurückzuschießen, wenn einer mal was anspricht. Oder es aber einigen Personen explizit zu gestatten, ins eigene Leben hineinzusprechen. Ich denke, es kommt auch auf die Rolle an. Als Gemeindeleiter hat man bspw. eine gewisse Verantwortung für seine Gemeindemitglieder.

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