Der ultimative Test: Christ oder nicht?

Eigentlich wollte ich einen Beitrag des Bloggers Erdsalz kommentieren – daraus ist dann ein eigener Beitrag entstanden. Dem sogar ein weiterer folgen wird.

Wer ist ein Christ? Was ist ein Christ? Was zeichnet einen Christen aus und was unterscheidet einen Christen von einem Nichtchristen? Wenn ich Erdsalz richtig verstehe, hält er gegenseitige Verurteilung für ähnlich problematisch wie ich. Auf Basis irdischer Gesetze ist das zwar unumgänglich. Ansonsten frage ich mich aber, ob jemals aus einer Verurteilung etwas positives entstanden ist.

Ich halte Verurteilung für etwas sehr menschliches. Wir alle basteln uns unsere Moral zusammen und verur-/beur-/unter-teilen die Menschheit auf dieser Basis. Je nach moralischem Set haben die Bösen dann z.B. den Tod verdient, die Guten das Leben.
Urteile haben auch etwas mit Identität zu tun. Denn Identität ist Abgrenzung und wenn ich mich mit einer Gruppe identifiziere, ist es sehr wichtig, sagen zu können, wer dazugehört und wer nicht. Wenn also Christen einander das Christsein absprechen, hat das nichts mit Religion zu tun, sondern mit Identität und ist genauso auch bspw. unter Fußballfans zu beobachten. Wenn Mitglieder meiner Gruppe im Namen meiner Gruppe etwas tun, womit ich mich nicht identifizieren kann, ist der einfachste Schritt, ihnen die Zugehörigkeit zu meiner Gruppe abzusprechen.

  • Diese Hooligans … das sind ja keine richtigen Fußballfans
  • Diese Dschihadisten … das sind ja keine richtigen Moslems
  • Diese Leute von der Westboro Baptist Church … das sind ja keine richtigen Christen
  • Diese Leute, die Zucker in ihren Haferbrei rühren … das sind ja keine richtigen Schotten

Das ist sehr einfach, denn es gibt nun mal keine festgesetzten Standards für einen Fußballfan. Was dann folgt, nennt sich Tautologie. Es ist ein Kreisschluss: Wer Wein trinkt, kann kein Fußballfan sein. Trinkt jemand Wein, ist er demzufolge kein Fußballfan. Das ist belegbar, da er ja Wein trinkt. Your logical fallcy is: No true Scotsman.

Diese Ausgrenzung kann sehr verletzend sein. Nicht nur die Ausgrenzung an sich. Auch die damit verbundene Wertung. Du bist kein Christ nach meinem Maßstab. Ich bin besser als du. Ich entspreche diesen strengen Maßstäben, du aber nicht. Hinfort mit dir, du Wicht.

  • Das Problem kann ich nicht lösen, indem ich postuliere, dass jeder ein Christ ist, der sich als solcher bezeichnet, denn die Anschuldigung ist ja oftmals, kein richtiger Christ zu sein.
  • Das Problem wird auch nicht durch semantische Kniffe gelöst, etwa wenn ich nicht mehr von mir selbst als Christ sondern als Nachfolger Jesu spreche.
  • Das Problem wird auch nicht gelöst, indem ich mich von der Kategorieebene löse und nur noch davon spreche, wer denn jetzt das Himmelreich erben wird und wer nicht.

Es handelt sich um ein Phänomen der Identität und hier liegt auch der Pudel begraben. Jeder von uns wird diese Worte wählen und mithilfe dieser Worte andere ausschließen. Alles hängt nur davon ab, wie leicht unser Selbstvertrauen zu erschüttern ist und wie weit die Handlungen des andern vom eigenen Selbstbild entfernt sind. Auch das geht nicht nur Christen so, sondern allen.
Bei der Westboro Baptist Church reicht es mir persönlich aus, sie als Idioten zu bezeichnen und ihnen vorzuwerfen, die Schrift in entscheidenden Punkten missverstanden zu haben. Ich weiß aber nicht, was ich tun würde, sollten einige Fanatiker einen Kreuzzug ausrufen.

Murli Menon, einer unserer Lehrer auf der Bibelschule, hatte dazu einen tollen Gedanken:

Einheit in den wichtigen Dingen, Vielheit in den unwichtigen Dingen, Großzügigkeit in allen Dingen.

Christen sollten versuchen, in erster Linie in den wichtigen Dingen Einheit anzustreben. Ich würde sagen: die absoluten Basics des Christentums sind Tod und Auferstehung Jesu. In allen anderen Dingen kann ich unterschiedliche Meinungen auch mal nebeneinander stehen lassen. Generell aber sollten wir Großzügig miteinander umgehen und uns gerade nicht verurteilen. Selbst dann nicht, wenn jemand dem widerspricht, was ich als wichtig erachte.

Und deswegen will ich meine Identität nicht in einer Gruppierung, Kirche, Glaubensrichtung oder Religion suchen. Sondern in Jesus. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob mich Außenstehende als Christ bezeichnen oder ob ich in Gesprächen der Einfachheit halber sage, Christ zu sein. Natürlich. Ich bin Christ. Ich bin Nachfolger Jesu. Aber meine Identität suche ich in ihm. Und diese Identität kann nichts erschüttern.

P.S.: Noch ein Gedanke, den ich auf dem Kongress zum Thema Christenverfolgung aufgeschnappt habe. Einheit der Christenheit scheint ein weit entferntes Ziel zu sein, insbesondere in Anbetracht all der vielen unterschiedlichen Gemeinden und Denominationen. Doch aus Sicht unserer Verfolger sind wir bereits eins: Christen. Einfach nur Christen.

 

Bild: Meister von Meßkirch: Auferstehung Christi in der St. Martinskirche, um 1535/40

4 Gedanken zu “Der ultimative Test: Christ oder nicht?

  1. Sehr interessanter und herausfordernder Beitrag! Ich denke auch, dass es Dinge gibt, die einfach klar sein sollten (Auferstehung, Dreieinigkeit, etc) aber welche Musik dann im Gottesdienst gespielt wird oder welche Meinung man beispielsweise über den Zeitpunkt der Entrückung hat, ist echt zweitrangig.
    Im Endeffekt sieht Gott das Herz und weiß, wie es mit unserem christsein steht. Nur er hat das Recht zu urteilen. Das versuche ich mir dann vor Augen zu halten, wenn ich jemanden treffe dessen christsein mir „komisch“ vorkommt. Gelingt mir natürlich nicht immer;)

    Liken

    1. Ne, gelingt nicht immer. Du hast da jetzt allerdings sehr weit entfernte Beispiele gewählt. 🙂 Lies dir mal Erdsalz‘ Blogbeitrag durch: https://erdsalz.wordpress.com/2015/12/13/wer-ist-ein-christ/. Da sind noch ein paar Beispiele dabei, die einige in die Kategorie „entscheidend“ einteilen würden. Aber ich glaube auch, dass der Blick „nach oben“ manchmal die Perspektive korrigieren kann – selbst bei scheinbar entscheidenden Dingen.

      Gefällt 1 Person

      1. Hi, danke für die Gedanken! Mir ging es auch in erster Linie um das Richten. Andererseits gibt es für mich natürlich schon theologisch richtig und falsch. Manches würde ich auch als Irrlehre bezeichnen, zum Beispiel das von deinem krassen Beispiel dieser Westboro Baptisten (deren Irrlehre ist übrigens ein Beispiel dafür, wohin konsequenter Bibelglaube – anstelle von konsequentem Jesusglauben – hinführen kann). Die Kirchengeschichte hat ein paar gute Bekenntnisse hervorgebracht, wie das Nizänum und für die Westkirchen noch das Apostolikum und Chalzedonense, die bis heute gute Orientierung für christliche Lehre geben. Auch die Bibel ist ja aus dem Prozess entstanden, Irrlehre abzuwehren und die Lehre Jesu und der Apostel für die Nachwelt sicher zu stellen. Deshalb ist sie ja auch bis heute die Richtschnur – allerdings eine, die viel Raum für unterschiedlichste Positionen lässt 😉 (und wie die Westboros zeigen, sogar Raum für Irrlehren bietet – weshalb das Denken nie ausgeschaltet werden darf)

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s